Dienstag, 28. November 2017

"KEINE ANGST VOR WEIHNACHTEN" von GITTA LANDGRAF


KEINE ANGST VOR WEIHNACHTEN 

von GITTA LANDGRAF





Und wieder war die Weihnacht gekommen. Eine ausgesprochen gefährliche Zeit für Gänse. Vor allem in der Slowakei.
Juro stand grübelnd vor dem Stall, in dem zwei Kühe, einige Schweine, und ein ganzer Haufen schnatternder Gänse Unterkunft gefunden hatten.
Finster starrte er auf den Boden und scharrte nachdenklich mit dem rechten Stiefel im Staub.
Übermorgen war der erste Weihnachtsfeiertag. 
Auf den er sich  eigentlich freuen sollte. 
Gab es da doch besonders gutes Essen.
Bei diesem Gedanken erhellte sich seine finstere Miene ein wenig. Vor allem als er an die Unzahl herrlich flaumiger Knödel dachte, die seine Mutter auf dem Teller aufzutürmen pflegte. Oder an die köstlichen, mit den verschiedensten Marmeladen gefüllten Palatschinken, von denen Juro eine ganz unglaubliche Menge verschlingen konnte.
Er träumte genüsslich vor sich hin. Verbot sich allerdings – und das nicht ohne Grund - an das beliebteste Weihnachtsgericht zu denken. An knusprig braun gebratenen Gänsebraten.
Schweren Herzens betrat er den Stall, wo eine Gänseschar versammelt war und sein Kommen lautstark begrüßte. Und Pavla, der wohlgenährte Gänserich, seine Artgenossen mit gezielten, kräftigen Schnabelhieben vertrieb, um Juro aufgeregt schnatternd aus nächster Nähe begrüßen zu können.
Da fühlte sich Juro gleich noch viel elender, als er sich ohnedies schon fühlte.
War er doch bei Pavlas Geburt dabei gewesen. Hatte zuvor das aus dem Nest gerollte Gänseei aufgehoben, unter seinen Pullover gesteckt, es mit sich  herumgetragen und ihm die nötige Wärme gegeben. Erst als das Kücken schon das Atemloch in die Eischale drückte und sich durch kleine Piepslaute bemerkbar machte, hatte Juro das bereits berstende Ei der geduldig brütenden Muttergans wieder untergeschoben.
Pavla war das erste Küken gewesen, das sich aus seinem Schalenkäfig und den Hornhüllen befreite. Und Juro hatte mit strahlenden Augen beobachtet, wie der Winzling zu laufen versuchte; was beim ersten Versuch in einem äußerst schmerzhaft wirkenden Spagat endete.
Bald darauf watschelte Pavla in vorderster Front hinter Juro her, wenn dieser die Gänse auf die Weide führte. Ja, der Gänserich trieb sogar seine Artgenossen durch lautes Flügelschlagen und Geschnatter zu unbedingtem Gehorsam und Eile an.
Wie konnte Juro da zulassen, dass  s e i n  Pavla heute mit all den anderen Gänsen von einem Geflügelhändler abgeholt werden sollte. Um mit Sicherheit bald danach als Gänsebraten zu enden!
Der Junge strich dem Gänserich unter all diesen schwerwiegenden Gedanken über den gefiederten Kopf. Pavla hatte diesen nämlich zwischen den Holzlatten durchgezwängt. Einfach um liebevoll ein wenig an Juro’s Jackenknöpfen zu knabbern.
Und genau in diesem Moment überstürzten sich die Ereignisse.
Juro war gezwungen, ohne langes Nachdenken zu handeln.
Er hörte einen laut hupenden Wagen.
Das konnte nur der Geflügelhändler sein! war er entsetzt.
"Schnell Pavla!" rief er dem Gänserich zu. Riss die Tür zu dem Verschlag auf, packte den verblüfften Gänserich am Schnabel und zerrte ihn eiligst heraus.
Pavla verlor bei diesem rüden Manöver sogar einige weiche, weiße Federn. War offensichtlich empört über die unsanfte Behandlung. Teilte dies auch dementsprechend lautstark mit, was den restlichen Gänsechor unglückseligerweise ebenfalls zu aufgeregtem Geschnatter veranlasste. Und als sich dann auch noch Kühe und Schweine dem Protest mit lautem Muhen und Quieken anschlossen, war in dem sonst so ruhigen Bauernhof die Hölle los.
Aber Juro kümmerte dies alles nicht.
Er packte den wohlgenährten Gänserich um die nicht allzu schlanke Mitte.
Hob ihn vor Anstrengung ächzend hoch.
Kletterte, so schnell er konnte, die Leiter hinauf, die auf den Heuboden führte und warf sich – samt Gänserich ins duftende Heu.
Pavla selbst quäkte nur noch einmal ganz leise – erschrocken – auf und verhielt sich dann erstaunlich ruhig.
Möglicherweise aber nur deshalb, weil ihm Juro mit festem Griff den Schnabel zuhielt.
Mit pochendem Herzen beobachtete der Knabe, wie der Geflügelhändler die Gänseschar in  Käfige trieb, sie zählte, sich verwundert am Kopf kratzte, noch Mal in den Stall zurück ging. Und dann auch noch die hintersten Winkel absuchte. Schließlich gab es eine äußerst lautstarke und heftig geführte Diskussion mit Juros Vater, der die angeblich verminderte Gänsezahl entschieden bestritt, woraufhin eine Autotür krachend zuschlug, und ein altersschwaches, schwer beladenes Vehikel den Bauernhof mit quietschenden Reifen verließ.
Jetzt erst gab Juro erleichtert Pavlas Schnabel frei.
Was mach ich jetzt mit ihm? zerbrach er sich dann den Kopf.
Pavla schien das allerdings nicht allzu sehr zu interessieren. Vielmehr begann er Hälmchen aus dem duftenden Heu zu zupfen und sie genüsslich zu verspeisen. Und im selben Moment fiel Juro siedendheiß ein, was er bei all der Aufregung vergessen hatte.
Eigentlich sollte er doch schon längst in der Schule sein!
Er spielte doch heute Abend in der Weihnachtsaufführung eine wichtige Rolle!
Der Junge sprang auf. Raste ins Haus, kam mit seinem Kostüm zurück. Packte Pavla zum zweiten Mal an diesem Tag um die wohlgenährte Mitte und stahl sich –schwer bepackt - vom Hof.
Draußen angelangt, setzte er den Gänserich im kalten Schnee ab. Und Pavla watschelte leise quäkend getreulich hinter Juro her. So als wenn es - wie zur Sommerszeit - auf die Weide ging.
Der Lehrer staunte nicht schlecht, als er seinen Schüler mit einer Gans im Schlepptau sah. Und zu Juros Empörung lachte er aus vollem Herzen, als er von Pavlas drohendem Schicksal und der Errettung daraus hörte.
Zu Juros Erleichterung gestattete er dann jedoch, dass sich Pavla ein Weilchen auf dem Schulhof erholen durfte. Allerdings nur, bis er Pavla selbst in einen eilends aufgetriebenen Käfig gesteckt hatte.
So schien der Abend für alle Beteiligten doch noch recht positiv zu enden.
Bald darauf trafen auch schon die ersten Zuseher ein.
Auch Juros Eltern waren darunter.
Die waren natürlich sehr stolz, dass ihr Sohn einen der Heiligen Drei Könige spielen durfte. Saßen erwartungsvoll in der ersten Reihe und blickten gespannt auf die Bühne, während der Vorhang von einem niedlichen, pausbäckigen Englein zur Seite gezogen wurde.
Anfangs lief auch alles wie am Schnürchen.
Josef hatte seinen Text nicht vergessen.
Maria war mit ihrem lockigen Blondhaar unter hellblauem Tuch besonders lieblich anzusehen; die Puppe, die das Jesuskind spielte, war schlicht und einfach aller liebst.
Aber dann kamen die Heiligen Drei Könige. Die Myrrhe, Weihrauch und Gold bringen sollten.
Wobei Myrrhe und Weihrauch bereits anstandslos von zweien der Könige dargebracht worden waren.
Und nun Juros große Stunde schlug. 
Es war an ihm, das Kästchen mit Gold darzubieten.
Aber statt seinen Text zu sprechen und das Kästchen darzubieten, stand er wie versteinert auf der Bühne.
Ganz blass war er unter der Schminke geworden.
Was war geschehen?
Er hatte schlicht und einfach das Kästchen vergessen!
Oh Gott! Was sollte er nun tun?
Starren Auges blickte Juro sekundenlang so verzweifelt ins Publikum, das jedermann wusste, es musste etwas ganz schreckliches passiert sein. Einige Zuschauer stöhnten sogar entsetzt und voll Mitgefühl laut auf.
Da lief auf einmal ein Strahlen der Erleichterung über Juros Gesicht.
"Ich bin gleich wieder da!" rief er. Und rannte von der Bühne.
Verwirrtes, betretenes Schweigen lastete über dem Zuschauerraum.
Verlegenes Gekicher war von der Bühne her zu vernehmen.
Händeringend ging der Lehrer, hinter den Kulissen auf und ab. Wusste offensichtlich nicht, was zu tun sei.
Aber! Da tauchte Juro auch schon wieder auf.
Und nun trug er tatsächlich ein Kästchen vor sich her.
Nun –  Kästchen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck.
Denn eigentlich trug er einen Käfig.
Einen Käfig, in dem der fröhlich schnatternde Pavla saß.
Und so brachte Juro dem Christkind – anstelle eines Kästchens mit Gold – Pavla, den Gänserich dar.

Sekundenlang herrschte verblüffte Stille.
Sowohl auf, als auch hinter der Bühne und im Zuschauerraum.
Aber dann brach unbeschreiblicher Jubel los.
Schließlich waren die Bauern dieser Gegend ganz besonders stolz auf ihre herrlich fetten, köstlich schmeckenden Gänse.
Und alle hielten Juros Auftritt für einen genialen Regieeinfall des Lehrers.
Nur Juros Vater stimmte nicht in den Jubel ein.
Hatte  er doch Pavla auf den ersten Blick erkannt.
Hier war also die fehlende Gans! dachte er beschämt. Entschuldigte sich im Geist bei dem armen Geflügelhändler, der so harsche, unfreundliche Worte von ihm zu hören bekommen hatte.
Juro aber war der Held des Abends. So dass sein Vater nicht lange böse sein konnte und sogar vergaß, sich eine Strafe für ihn auszudenken.
Und es ist beinahe überflüssig zu bemerken, dass eine Gans, die dem Jesuskind an Stelle von Gold als Gabe dargebracht worden war, nie und nimmer verspeist werden durfte.
Nicht heuer und nicht im nächsten Jahr.

©by Gitta Landgraf/gitta.landgraf@gmail.com

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen